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§2. GRUNDLEGENDE KONZEPTE
Die Diskussion der grundlegenden Konzepte lehnen wir zunÀchst an gewöhnliche Petri-Netze an.
Definition 2.1
Ein gewöhnliches Petri-Netz ist ein Tupel
mit folgenden Komponenten und Eigenschaften:
- (PN1)
ist eine endliche Menge von Stellen;
- (PN2)
ist eine endliche Menge von Transitionen;
- (PN3)
;
- (PN4)
ist eine Kantenabbildung.
Das Abbild eines solchen Tupels ist ein gerichteter Graph, mit Stellen und Transitionen als Knoten, sowie beschrifteten Kanten von Stellen zu Transitionen und vice versa. Die Kantenbeschriftung symbolisiert die sogenannte Kantenvielfachheit, die die Abbildung aus (PN4) beinhaltet. Kanten mit
sind als nicht existent anzusehen.
Eine Transition
kann Ein- und Ausgangsstellen haben (es gilt entsprechend
, bzw.
). Stellen, die gleichzeitig Ein- und Ausgangsstellen fĂŒr eine Transition sind, nennen wir kontrollierende Stellen. Es kann zusĂ€tzlich gefordert werden, dass das Petri-Netz solche Stellen nicht enthĂ€lt. Es gilt dann:

Ein Petri-Netz ist demnach ein rein statisches Gebilde. Dynamische Eigenschaften werden ihm erst durch die sogenannte Markierung verliehen (wir sprechen vom markierten Petri-Netz):
(PN5)
.
Diese Markierung fixiert einen Zustand des gegebenen Petri-Netzes und kann nach bestimmten Regeln, sogenannten Schaltregeln, verĂ€ndert werden. Der ZustandsĂŒberfĂŒhrungsvorgang bleibt nur den sogenannten aktivierten Transitionen vorbehalten.
Eine Transition
ist aktiviert (auch schaltbar), wenn gilt:

Schaltregel fĂŒr gewöhnliche Petri-Netze
Feuert eine aktivierte Transition
im Zustand
und ist der Zustand nach dem Schaltvorgang
(formal:
), dann gilt:

Beispiel
Die Abb. 1 zeigt ein Petri-Netz, bestehend aus drei Stellen
(dargestellt durch Ringe) und einer Transition
(dargestellt durch einen Balken), mit folgender Kantenabbildung:

Abb. 1
â Hier Bild aus dem PDF einfĂŒgen
Keine dieser Stellen ist kontrollierend â (PN*) ist damit erfĂŒllt.
Den Zustand (Markierung) des Petri-Netzes pflegen wir durch direktes Einzeichnen der Marken in die Stellen. Der Anfangszustand (Abb. 1 links) ist demnach
, der Endzustand (Abb. 1 rechts)
. Bildhaft gesprochen wandern die Marken von den Eingangsstellen hinĂŒber auf die Ausgangsstellen unter BerĂŒcksichtigung der Kantenvielfachheiten.
Im Allgemeinen werden aber offensichtlich auch weitere SchaltvorgĂ€nge möglich sein â insbesondere durch andere Transitionen. Derartige Schaltfolgen sind vor allem im Hinblick auf das bereits angesprochene Erreichbarkeitsproblem von besonderem Interesse fĂŒr uns.
Sei
die Menge aller Wörter ĂŒber dem (endlichen) Alphabet
, zusammen mit dem leeren Wort
(
ist damit ein Monoid hinsichtlich der Konkatenation). Unter einer Transitionenfolge verstehen wir jedes Element
.
Sei
mit
,
. Wir sprechen von einer zulÀssigen Transitionenfolge (auch Schaltfolge) zu gegebenem Zustand
, wenn gilt:
![Rendered by QuickLaTeX.com \forall s \in S, \, i \in \{1, \dots, k\}: \left[ m(s) + \left( \sum_{v=1}^{i-1} [\kappa(t_{j(v)}, s) - \kappa(s, t_{j(v)})] \right) - \kappa(s, t_{j(i)}) \right] \ge 0.](https://stawarz.de/wp-content/ql-cache/quicklatex.com-32d266e71b45cb9679d7783f7b068cb0_l3.png)
Da jede Schaltfolge eine Art zusammengesetzter Transition ist, können wir die erweiterte Schaltregel fĂŒr gewöhnliche Petri-Netze folgendermaĂen angeben:
![Rendered by QuickLaTeX.com m \to^* \tilde{m} \quad \implies \quad \tilde{m}(s) = m(s) + \sum_{v=1}^{k} [\kappa(t_{j(v)}, s) - \kappa(s, t_{j(v)})] \quad \text{für alle } s \in S.](https://stawarz.de/wp-content/ql-cache/quicklatex.com-0d85061a3504ada9efe8a726952fe700_l3.png)
Beispiel: Abbildung 2
Abb. 2 schildert die ZustandsverÀnderung eines Petri-Netzes beim Feuern der (zulÀssigen) Schaltfolge
mit einigen ZwischenzustÀnden. Im Gegensatz zum vorherigen Beispiel enthÀlt dieses Petri-Netz zwei kontrollierende Stellen:
(kontrollierend fĂŒr
) und
(kontrollierend fĂŒr
). Es gilt nÀmlich:

Abb. 2
â Hier Bild aus dem PDF einfĂŒgen
Diese beiden Stellen weisen darĂŒber hinaus noch eine andere interessante Eigenschaft auf: es gilt stets
. Zwei Stellen
und
nennen wir zueinander komplementÀr, wenn es eine Konstante
gibt, mit:

Definition 2.2.
Die Erreichbarkeitsmenge eines Petri-Netzes
mit dem Anfangszustand
ist die Menge:

Die Erreichbarkeitsmenge kann sich auch auf eine (nicht notwendigerweise endliche) Menge
von AnfangszustÀnden beziehen:

Gilt
, so sagen wir, dass die Markierung
von
aus erreichbar ist. Das allgemeine Erreichbarkeitsproblem ist gleichbedeutend mit der Aufgabe zu entscheiden, ob im gegebenen Petri-Netz ein Zustand
von einem Anfangszustand
aus erreichbar ist.
Das Inklusions- bzw. Gleichheitsproblem ist die PrĂŒfung folgender Relationen fĂŒr zwei Petri-Netze
und
:
fĂŒr das Inklusionsproblem
fĂŒr das Gleichheitsproblem
Eine solche PrĂŒfung ist allerdings nur dann sinnvoll, wenn
und
von gleicher Dimension sind, d. h.
.
Petri-Netze können einerseits sehr anschaulich durch PN-Graphen dargestellt werden â besitzen aber andererseits Ă€quivalente Strukturen von rein algebraischem Charakter, sogenannte Vektor-Additionssysteme und Vektor-Ersetzungssysteme.
Definition 2.3.
Ein Vektor-Ersetzungssystem
zum Anfangsvektor
ist die Menge:

Die Vektorpaare bestehen jeweils aus dem Testvektor
und dem Ersetzungsvektor
. Die Ersetzungsregel lautet:

Die völlige Gleichwertigkeit der Vektor-Ersetzungssysteme und Petri-Netze ist offensichtlich.
Ein Vektor
genĂŒgt der Relation (VAS) genau dann, wenn die Ă€quivalente Transition
von keiner Stelle kontrolliert wird. Es besteht die Ăquivalenz:
![Rendered by QuickLaTeX.com [v_j \text{ erfüllt (VAS) für alle } j] \iff (\text{PN}^*).](https://stawarz.de/wp-content/ql-cache/quicklatex.com-9b41287d20d0b9e79051e11782904313_l3.png)
Definition 2.4.
Ein Vektor-Additionssystem
zum Anfangsvektor
ist die Menge:

Jeder Vektor aus
ist gleichzeitig Test- und Ersetzungsvektor. Eine Ersetzung
ist zulÀssig, wenn
ist. Die Ersetzungsregel lautet:
.
Das Vorhandensein einer Mindestzahl von Marken auf bestimmten Stellen als Voraussetzung fĂŒr eventuelles Feuern von Transitionen ist eine Eigenschaft der gewöhnlichen Petri-Netze, die im Allgemeinen nicht invertierbar ist. Eine solche AbhĂ€ngigkeit ist aber in manchen FĂ€llen unentbehrlich â vor allem im Hinblick auf die WPNC-Berechenbarkeit von Funktionen, die das âTesten auf 0â notwendig machen.
Definition 2.5.
Ein Petri-Netz mit Inhibitor-Kanten
ist ein Tupel mit den Komponenten (PN1), (PN2), (PN3), (PN5) und mit einer erweiterten Kantenabbildung:

mit
.
Wir definieren die additiven VerknĂŒpfungen von
mit allen anderen Elementen wie folgt:

Die Schaltregel ist mit der fĂŒr gewöhnliche Petri-Netze scheinbar identisch. Etwas anderes verbirgt sich jedoch hinter dem Begriff âaktivierte Transitionâ. Diese Bezeichnung trifft auf eine Transition
zu, wenn gilt:
![Rendered by QuickLaTeX.com \forall s \in S: [m(s) - \kappa(s, t) \ge 0] \land [(\kappa(s, t) = \iota) \implies (m(s) = 0)].](https://stawarz.de/wp-content/ql-cache/quicklatex.com-ee109b71cdb089738a287ee2b7a64448_l3.png)
Graphisch gesehen sind Ăberlappungen beider Kantenarten möglich, was aber unsere Definition ausschlieĂt. Möglich dagegen ist eine andere Konstellation. Hier gilt
fĂŒr die Stelle
und Transition
. Wir sprechen von einer selbstblockierenden (auch rĂŒckgekoppelten) Inhibitor-Transition.
Abb. 3
â Hier Bild aus dem PDF einfĂŒgen
Einer PrĂ€zisierung bedarf noch der Begriff âkontrollierende Stellenâ. Unter einer kontrollierenden Stelle im Petri-Netz mit Inhibitor-Kanten verstehen wir ein
mit
fĂŒr eine Transition
.
Definition 2.6.
Ein Vektor-Ersetzungssystem mit Inhibitor-Vektoren zum Anfangsvektor
ist die Menge:

Es muss gefordert werden:

Definition 2.7.
Ein Vektor-Additionssystem mit Inhibitor-Vektoren zum Anfangsvektor
ist die Menge:

In der vorliegenden Arbeit blicken wir nur sporadisch auf Petri-Netze mit mehreren Inhibitor-Kanten. Da bereits zwei Inhibitor-Kanten die Simulation von Turing-Maschinen ermöglichen, können weitere solche Kanten die LeistungsfĂ€higkeit der Petri-Netze ohnehin nicht mehr entscheidend steigern. AuĂerdem ist das Erreichbarkeitsproblem in diesem Fall als unentscheidbar bekannt. Unsere Aufmerksamkeit gilt daher primĂ€r den Petri-Netzen mit genau einer Inhibitor-Kante, die das bislang offene Erreichbarkeitsproblem aufwerfen.
Beispiel: Abbildung 4
Zum Schluss dieses Kapitels geben wir ein Beispiel fĂŒr ein Petri-Netz mit einer Inhibitor-Kante (vgl. Abb. 4), wobei die ParallelitĂ€ten zum vorangegangenen Beispiel unĂŒbersehbar sein dĂŒrften. Wir sagen, dass beide Petri-Netze einander simulieren. Zwar stimmen deren Dimensionen nicht ĂŒberein. Betrachten wir aber erneut die (zulĂ€ssige) Schaltfolge
, so stellen wir fest, dass die durch diese Schaltfolge erzeugten Schaltpfade identisch sind, bezĂŒglich
.
Abb. 4
â Hier Bild aus dem PDF einfĂŒgen
Die erweiterte Kantenabbildung ist dem Graphen zu entnehmen. Stattdessen wollen wir das zu unserem Petri-Netz Àquivalente Vektor-Ersetzungssystem (mit genau einem Inhibitor-Vektor) vollstÀndig angeben.
Die bereits vorgestellten Konzepte, wie z. B. Erreichbarkeitsmengen und die darauf zurĂŒckgehenden SchlĂŒsselprobleme, sind identisch zu formulieren. Zu beachten ist nur, dass etwas anderes unter aktivierten Transitionen bzw. zulĂ€ssigen Transitionenfolgen zu verstehen ist.
Im vorangegangenen Kapitel haben wir bereits angedeutet, dass Inhibitor-Kanten diese Probleme erheblich erschweren können. Die Tatsache, dass zwei und mehr solche Kanten das Erreichbarkeitsproblem unentscheidbar machen, ist ein Indiz dafĂŒr, dass die Inhibitor-Kanten eine echte, qualitative Verallgemeinerung der gewöhnlichen Petri-Netze darstellen.